Stadt will Hartmannhalle abreißen

Letztes Zeugnis des großen Industriellen soll verschwinden - Verein weist Konzept und Finanzierung vor.

So sah der Maschinensaal der sächsischen
Maschinenfabrik. 1864 erbaut, zu Richard 
Hartmanns Zeiten aus. 
-Foto: Archiv
So schaut Ronald Dietze heute in den Saal, der noch die alte Kranbahn, gusseiserne Doppelsäulen und einen Rundbogen aufweist. 
-Foto: Archiv
   

Die Hartmannhalle (Fabrikstraße 8-10), eines der letzten Zeugnisse einer großen Industrieepoche und eines bedeutenden Chemnitzer Industriellen, sollen abgerissen werden. So plant es jedenfalls Rechtsbürgermeister Frank Motzkus, der den jetzigen Nutzern folgendes schrieb: "Mit Verfügung bin ich vom Baugenehmigungsamt aufgefordert worden, umfangreiche Sicherungsmaßnahmen vorzunehmen. Da mir die Mittel hierfür nicht zur Verfügung stehen und die Nutzer auch nicht bereit oder in der Lage sind, entsprechend zu handeln, werde ich das Nutzungsverhältnis umgehend kündigen und den Abbruch des Gebäudes in die Wege leiten."
  Für Ronald Dietze, der sich als 1. Vorsitzender der Sächsischen Gesellschaft zur Förderung der Musikkultur um die Nutzung der Hartmannhalle kümmert, ein Unding: "Es ist seit Jahren das gleiche Spiel: Die Stadträte haben am 14. Juni 2000 beschlossen, dass unser Verein in Erbpacht (die Stadt bleibt Eigentümer) die Hartmannhalle einer kulturellen Nutzung zuführt und wir sie als Vereinsprojekt betreiben.
  Eigentlich müsste sich die Stadt freuen, dass wir uns um die Zukunft der Halle, die heute einen traurigen Anblick bietet, kümmern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Stadt schweigt uns völlig tot, antwortet auf keinerlei Schreiben. Wir erhalten nicht einmal einen Gesprächstermin." Die Gründe, warum das so ist, kann er nur vermuten: Kein Geld, kein Bedarf. "Und genau das stimmt eben nicht", meint Dietze. 

"Wir haben detailliert nachgewiesen, das wir ein anderes Konzept verfolgen als zum Beispiel die Wanderer-Halle. In dieser mit gut 10.000 Quadratmetern sollen Großveranstaltungen über die Bühne gehen. In unserer Halle mit gut 400 Quadratmetern wird es dagegen mehr eigene Produktionen geben", nennt er die Unterschiede. "So, wie das auch schon mit unserem Musical 'Maari sucht das Leben', das von der Deutschen Krebshilfe gefördert wurde und bald auf Gastspieltournee durch Deutschland geht, erfolgreich praktiziert wurde."
  Bei der Finanzierung hat er sich mit Projektentwickler Stephan Franke einen soliden Partner ins Boot geholt - sein bestätigtes Finanzkonzept sieht beispielsweise vor, dass die Stadt nur die Anschubfinanzierung von gut 75.000 Euro übernimmt, alles andere über EU-Fördermittel, Denkmalförderung und rund 750.000 Euro Eigenmittel des Vereins läuft. Außerdem wurden auch der Bauvorbescheid zur Nachnutzung der Halle und die denkmalschutzrechtliche Genehmigung zur Sanierung der Halle positiv beantwortet. Doch all das konnte bis jetzt die neue Kulturbürgermeisterin Barbara Ludwig noch nicht überzeugen. Sie gibt der Hartmannhalle keine Zukunft. Eines aber war auch schon zu hören: Das Landesdenkmalamt in Dresden und das Regierungspräsidium Chemnitz werden ihre Zustimmung zum Abriss der Hartmannhalle nicht geben (ER).  

 

KOMMENTAR

Nachdenken
Abriss ist falsche Lösung

Von EVELINE RÖSSLER

Klar, im ersten Moment ist die Stadt zu verstehen. Das Tietzhaus will saniert und erhalten werden, die Wanderer-Werke stehen noch aus. Alles kostet Geld, und alles verschlingt oft mehr als vorher errechnet. Da müssen die Überlegungen erlaubt sein: Können wir uns das leisten?
Aber wiederum muss man bei der Hartmannhalle eindeutig sagen: Das ist ein einmaliges geschichtliches Zeugnis, was es so nicht wieder gibt. Und: Es ist ein Verein da, der sich jahrelang darum kümmert, sich Gedanken macht und auch versucht, beim Geld die Stadt so weit es geht, außen vor zu lassen.
Ob dabei alle Blütenträume des Vereins reifen und die Halle so saniert werden sollte, wie es den Nutzern vorschwebt, ist eine andere Frage. Manches muss in Zukunft auch schlichter gehen - nicht nur bei der Hartmannhalle. Nur reden muss man wieder miteinander - und zwar schnell.
Noch ein Bonbon am Rande: Unter Sportlern geht das Gerücht um, dass die nebenstehende Großsporthalle, die im Frühjahr übergeben wird, den Namen Richard Hartmann tragen soll. Wenn das passieren würde, nur weil man vorher die alte Industriehalle abgerissen hat, wäre das ein Eigentor. Außerdem ist nicht überliefert , ob Richard Hartmann ein großer Sportler war.   

Quelle: Freie Presse - 19.01.2002