Das Engagement für den Erhalt des Denkmals geht weiter

Wo ist der Wald?

 

Von Gisela Bauer und Brigitte Pfüller

  Chemnitz sucht immer nach Ideen, um überregional bekannt zu werden. Doch manchmal haben Gäste den Eindruck, dass man hier den Wald vor Bäumen nicht mehr sieht. Ist doch die Stadt bekannt für Ihre Industrie und insbesondere bei Eisenbahnfans der ganzen Welt für die Hartmann-Lokomotiven. Denn in der Sächsischen Maschinenfabrik AG wurde mit der "Pegasus" die zweite sächsische Lokomotive hergestellt. Insgesamt verließen fast 4.000 Loks - neben Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Eis- und Kühlmaschinen, Motoren und Dampfmaschinen - die Hallen der Hartmann-Werke. Die Sächsische Maschinenfabrik (5.600 Beschäftigte) hatte 1911 einen Umsatz von 15 Millionen Mark, 40 Prozent davon war Export.
 
 

 Viele Städte der Welt wären stolz und würden sich äußerst glücklich schätzen, wenn noch eine Original-Produktionshalle erhalten wäre. Aber wie es scheint, hat Chemnitz genau damit ein Problem. Denn obwohl in der Fabrikstraße 8 die letzte Hartmann-Werkhalle (noch) steht, genießt sie bei der Verwaltung kaum Wertschätzung, eher gibt es immer mal wieder Gedanken an einen Abriss.
  Und der Sächsischen Gesellschaft zur Förderung für Musikkultur (SGFM) e. V. aus Chemnitz, die sich seit Jahren für eine Sanierung und Nutzung einsetzt, werden mehr Steine in den Weg gelegt als Hilfe angeboten. "Uns wurde das Licht und Wasser abgeklemmt, es wurden Zusagen nicht eingehalten, obwohl die Abgeordneten eigentlich schon für einen Erbpachtvertrag gestimmt hatten. Aber ohne Unterstützung der Stadt geht es nicht", erklärt Ronald Dietze, 1. Vorsitzender der SGFM.

 


 
Für den Erhalt der Hartmann-Halle setzen sich auch der Künstler Clauss Dietel (2. v.r) und der CDU-Stadtrat Harald Krause (re) ein.

 

  "Vielleicht gibt es aber Hoffnung, denn Anfang der Woche hat sich die Kulturamtsleiterin Petra Borges zum ersten Mal in der Halle umgesehen und war positiv überrascht, was schon alles geschafft wurde und was wir noch vorhaben." Kein Wunder, denn im Inneren hat sich einiges getan. So haben hier Firmen aus der Medien- und IT-Branche ihren Sitz, junge Bands proben und auch der Chemnitzer Jazzklub ist in der Halle zu Hause. Auch zur künftigen Nutzung liegt Konkretes vor. So soll hier ein Zentrum entstehen, das Kultur, Medien und Wirtschaft vereint. "Wir wollen nicht nur Konzerthalle sein oder Konkurrenz zum Kabarett machen, sondern hier sollen Bands Räume zum Üben haben, hier sollen Medienfirmen oder IT-Firmen sitzen und auch Veranstaltungen stattfinden. Wir wollen ergänzen", do Dietze. Diese Ergänzung könnte auch für die benachbarte neu entstandene "Hartmann-Sporthalle" wichtig sein. Auch für die Finanzierungs- und Sanierungskonzeption ist ein kompetenter Fachmann da. "Ich habe alle Unterlagen zusammengestellt", bestätigte Stephan Franke von ps-consult  GmbH. "Förderung wurde uns in Aussicht gestellt. Doch nun heißt es plötzlich, der Verein soll eine Bankbürgschaft vorlegen. Welche Bank gibt einem Verein eine Bankbürgschaft, wenn dieser nicht einmal einen Erbpachtvertrag vorweisen kann? Und welchen Sponsor kann man sich ins Boot holen, wenn die Kommune von Abriss träumt?" 

  Damit ist das Schicksal der Hartmannhalle immer noch unsicher. So ist auch das Regierungspräsidium als Rechtsaufsicht der Stadt einerseits für den Erhalt des Denkmals, andererseits hält sich die Behörde bedeckt. Zwar wurde noch kein klares "Nein" gesprochen, aber aus den Worten von Regierungspräsident Karl Noltze ist eine Richtung heraushörbar. Nach Prüfung der eingereichten Unterlagen sei die Behörde zu dem Schluss gekommen, dass es ohne vernünftiges Nachnutzungskonzept und nachgewiesenen Finanzierungsplan keine Fördermittel geben könne. Momentan sei die Stadt der Eigentümer der Halle, da könne er nur warnen, meinte Noltze. Was sich Chemnitz mit der Sanierung der Wanderer-Halle sowie der Kaufhäuser Tietz und Schocken vorgenommen habe sei genug.
  Die Kommune dürfe sich durch solche Projekte nicht noch weiter verschulden. Im Klartext: Da könnte nicht nur die Hartmann-Halle, sondern auch noch das eine oder andere Industriedenkmal der Abrißbirne zum Opfer fallen, weil Chemnitz einfach zu viele habe. "Wir wollen nicht überall ungenutzte Hallen", so Noltze, der offenbar eine ähnliche Misere wie mit den unrentablen Spaßbädern befürchtet. Sollte sich wieder Erwarten noch ein privater Investor mit einem stimmigen Konzept finden, werden sich allerdings auch das Regierungspräsidium einer Förderung nicht verschließen. 

 


  Andere haben weniger Probleme mit dem Erbe. Der Verein Sächsisches Eisenbahnmuseum tut eine Menge für die Erbpflege. "Bei uns hat sehr vieles mit Hartmann zu tun", sagt Sprecher Jörg Bauernsachs. In Hilbersdorf stehe immerhin die Hälfte aller noch vorhandenen normalspurigen Triebfahrzeuge aus der einstigen sächsischen Lokomotivschmiede. Auch wurde im Lokschuppen ein Hartmann-Trationszimmer eingereicht. Und die Nachgestaltung eines klassischen Loktransports zum 100-jährigen Bestehen des Heizhauses im September 2000 ist sicher nicht nur den Eisenbahnfreunden in guter Erinnerung.
  

 

Quelle: blitzpunkt  - 23.02.2002